Der Preis ist in den meisten Unternehmen der weitaus wirksamste Gewinntreiber. Dennoch stehen Pricing-Themen immer noch nicht oft genug auf der Agenda im Controlling, sagt Prof. Dr. Hans-Christian Riekhof in seinem Gastbeitrag. Bei welchen Pricing-Fragestellungen das Controlling Antworten liefern sollte, erlÀutert er hier.
Das Pricing Know-how im Controlling
Seit vielen Jahren fĂŒhre ich Seminare zum Thema Pricing durch. Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind vornehmlich GeschĂ€ftsfĂŒhrer, Pricing-Manager, Vertriebsleiter, Key Account-Manager, Product-Manager und Marketing-Leiter. Was extrem selten vorkommt: Dass sich Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter aus dem Controlling zum Pricing-Seminar anmelden. Bei mir ruft das immer wieder aufs Neue Verwunderung hervor. In den folgenden AusfĂŒhrungen möchte ich die GrĂŒnde etwas nĂ€her beleuchten. AusfĂŒhrlicher nachlesen kann man meine Ăberlegungen in meinem Pricing-Newsletter No. 48, der den Titel trĂ€gt: âWann macht das Controlling endlich seine Hausaufgaben im Preis-Controlling?â
Die Ausrichtung des Controllings: fokussiert auf (interne) Kosten oder den (externen) Customer Value?
Der Preis ist in den meisten Unternehmen der weitaus wirksamste Gewinntreiber und weder die direkten noch die indirekten Kosten haben eine Ă€hnliche Hebelwirkung. Das gilt auch fĂŒr die Absatzmenge, die nur in bestimmten MĂ€rkten und in wenigen strategischen Ausgangslagen eine sehr hohe Relevanz und Hebelwirkung auf den Gewinn hat, etwa wenn groĂe Erfahrungskurven-Effekte beim Eintritt in neue MĂ€rkt eine Rolle spielen. Tesla ist hier sicherlich ein gutes Beispiel.
Meine Erfahrung aus vielen Beratungsprojekten wie auch aus den Pricing-Projekten zeigt, dass das Controlling sehr detailliert ĂŒber interne Kostenentwicklungen, Plankosten und deren Ăberschreitung, vielleicht auch ĂŒber Target Costing und Prozesskosten berichtet. Aus meiner Konzernzeit erinnere ich eine kleine, aber denkwĂŒrdige Auseinandersetzung unseres Sparten-Controllers mit einem Mitglied der Spartenleitung, weil dieser den Firmenwagen nicht an einer freien Tankstelle getankt hatte, sondern einen Kraftstoff-Beleg einer Markentankstelle einreichte. Soviel zum Thema Fokussierung auf die Kosten. Aber das ist an dieser Stelle als anekdotische Evidenz zu werten und daher nur eine Randbemerkung. Meine Beobachtung jedenfalls: AussagekrĂ€ftige Berichte aus dem Controlling zum Thema Pricing sind eher selten, um es vorsichtig auszudrĂŒcken.
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Welche Pricing-Themen gehören auf die Agenda des Chef-Controllers?
Wenden wir uns im Folgenden den drÀngenden Pricing-Fragen zu, auf die das Controlling Antworten bereitstellen sollte.
1. Differenzierte Betrachtung von Preis-Erhöhungen
Meine in 2022 erschienene und gemeinsam mit Leon Reutel durchgefĂŒhrte empirische Studie zum Inflation Pricing zeigt sehr schön auf, dass sich viele Unternehmen schwer tun in der Umsetzung differenzierter Preis-Erhöhungen: es dominieren pauschale Preis-Anpassungen, um den eigenen Kostendruck an die Kundschaft weiter zu geben.

[Abbildung 5 Studie PFH]
Sehr viel sinnvoller wĂ€re es, die unterschiedlichen Produktgruppen, Business Units oder VertriebskanĂ€le mit differenzierten Preisanpassungen zu bedienen. Hier kann und muss das Controlling konkrete UnterstĂŒtzung leisten und Empfehlungen aussprechen.

[Abbildung 11 Studie PFH]
Ferner ist es natĂŒrlich enorm wichtig, separate Auswertungen zu erstellen, welche der geplanten Preiserhöhungen tatsĂ€chlich realisiert werden konnten und wo möglicherweise ZugestĂ€ndnisse an die Kunden erforderlich waren.
2. Separate Planung von Preisen und Mengen
Im Rahmen von Pricing-Seminaren frage ich die Teilnehmer regelmĂ€Ăig, welche GröĂen fĂŒr die operative Umsatzplanung des kommenden Jahres zugrunde gelegt werden. Ich blicke oftmals in fragende Gesichter, erschlieĂt sich doch nicht sofort, worauf ich hinaus will. Umsatz ergibt sich als Produkt aus Preis und Menge, daher ist es fĂŒr mich naheliegend, dass Mengen bzw. StĂŒckzahlen und die dazugehörigen Preise separat geplant werden. Eine Umsatzsteigerung fĂŒr 2024 von 8 % kann also zu einem groĂen Teil aus der Preissteigerung resultieren.
Ist es inzwischen eine SelbstverstÀndlichkeit, Preissteigerungen und Mengenentwicklungen separat zu planen und auszuweisen? Weit gefehlt: in vielen Unternehmen (auch in DAX-Unternehmen!) ist in der operativen Planung immer noch nicht sichtbar, in welchem VerhÀltnis Preise und Mengen zur geplanten Umsatzentwicklung beitragen.
3. Detaillierte Analyse von Rabatt-Strukturen
Im Rahmen der Entwicklung von Preisstrategien ist auch die Frage zu beantworten, welche strategischen GrundsĂ€tze und Leitlinien es fĂŒr die Vergabe von Rabatten im Unternehmen gibt. Rabatte sind ein sehr flexibel einsetzbares Instrument, um Preisdifferenzierungen nach allen Regeln der Kunst umzusetzen. Wenn ich in Rahmen von Seminaren frage, wie hoch der tatsĂ€chlich gegebene Rabatt im laufenden GeschĂ€ftsjahr ist, erhalte ich oft nur grobe SchĂ€tzungen. In manchen Unternehmen sind es 10-15 % vom Umsatz, die als Rabatt an Kunden âausgeschĂŒttetâ werden. Das kann angesichts einer Umsatzrendite von 3, 5 oder 10 % ein Vielfaches des Unternehmensgewinns sein. Hier fĂŒr Transparenz zu sorgen, ist Aufgabe des Rabatt-Controllings.
4. Analysen der PreiselastizitÀten der TOP-Seller
Die Analyse von Preis-ElastizitÀten und das Erstellen von Preis-Absatz-Funktionen setzt eine entsprechend hohe Menge auswertbarer Daten voraus. Dies ist ebenfalls eine Aufgabe des Controllings, die meiner Erfahrung nach eher selten wahrgenommen wird.
NatĂŒrlich kann man einwenden, dass dazu in der Regel nur interne Daten verwendet werden, die sich zudem auf das vergangene Kaufverhalten der Kunden beziehen. Gleichwohl waren derartige Auswertungen, die uns in der Otto Group zur VerfĂŒgung standen, sehr hilfreich, um einschĂ€tzen zu können, welche Produkte, Produktkategorien oder auch VertriebskanĂ€le eine besonders hohe â oder auch besonders niedrige â Preis-ElastizitĂ€t aufweisen. Auch der Vergleich von Regionen oder VertriebskanĂ€len kann hier sehr aufschlussreich sein.
5. Standardisierung und vergleichende Auswertung der Preis-Treppe
Gute Pricing-Strategien fĂŒhren in der Regel zu einer stĂ€rkeren Ausdifferenzierung der Preise und damit zu einer Erhöhung der KomplexitĂ€t des Pricing (vgl. hierzu Riekhof on Pricing No. 68). Das sollte aber uns nicht abschrecken, vorausgesetzt, dass das Controlling hier seine Hausaufgaben gemacht hat. Denn die internen preisbezogenen Kategorien (diverse Rabattarten, Boni, Jahres-RĂŒckvergĂŒtungen u.a.m.) sollten zum Beispiel im Rahmen einer sog. Preistreppe standardisiert und damit einer vergleichenden Analyse zugĂ€nglich sein.
6. Controlling der Preis-Architektur
Ein weiteres sehr wichtiges Feld, das der Controlling-Bereich nutzen sollte, um die KomplexitĂ€t des Pricing zu begrenzen, ist die Schaffung einer Preis-Architektur und die Festlegung von Pricing-Rollen fĂŒr einzelne Produkte (vgl. hierzu Riekhof on Pricing No. 48). Unter preisstrategischen Aspekten nehmen Produkte sehr unterschiedliche Aufgaben oder Rollen wahr: Manche Produkte sollen als preisreduzierte Angebote die Aufmerksamkeit von Neukunden gewinnen, andere sind die Highlights und innovativen Alleinstellungen des Unternehmens, bei denen hohe ErtrĂ€ge abgeschöpft werden sollen. Dieses Kategorien-System zu schaffen und im Rahmen der Umsetzung der Preisstrategie zum Leben zu erwecken, ist Aufgabe der Controlling-Abteilung.
Ein erstes Fazit: Preis-Controlling als strategisches BetÀtigungsfeld des Controllers
Wenn ich eingangs festgestellt habe, dass sich so wenig Controller fĂŒr das strategische Pricing, fĂŒr das Rabatt-Controlling oder fĂŒr das Controlling differenzierter Preis-Erhöhungen interessieren, dann kann dies vielleicht auch daran liegen, dass sie die Vielfalt der Aufgaben (und das dort liegende Ertragspotential) nicht vor Augen haben. Es wĂŒrde vielen Unternehmen sehr gut tun, wenn sich hier ein Umdenken abzeichnen wĂŒrde.
Ăber den Autor:
Dr. Hans-Christian Riekhof war in leitenden Positionen in der Otto Group und in der Beiersdorf AG tĂ€tig, bevor er an die PFH Private Hochschule Göttingen als Professor fĂŒr Allgemeine BWL mit dem Schwerpunkt Internationales Marketing berufen wurde. Seit vielen Jahren berĂ€t er mittelstĂ€ndische Firmen und auch DAX-Unternehmen im Pricing. Seit mehr als 15 Jahren fĂŒhrt er empirische Studien zum strategischen und operativen Pricing durch. Hier kann man seinen Pricing-Newsletter âRiekhof on Pricingâ abonnieren.
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