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  • 29. April 2019

„Nachhaltigkeitsmanagement ist auch Risikomanagement“

„Nachhaltigkeitsmanagement ist auch Risikomanagement“

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Warum Nachhaltigkeitsmanagement auch für den Mittelstand wichtig ist und weshalb die Lieferkette die Achillesferse sein kann, erklärt Joachim Schlange im Interview mit dem C4B Blog.

 

Herr Schlange, Sie sagen die Bedeutung von Nachhaltigkeit ist für Unternehmen in den vergangenen deutlich stark gewachsen. Woran machen Sie das fest?
Das spiegelt sich allen Unternehmensbereichen wider: in den Kunden- und Lieferantenbeziehungen, im Rahmen der Gesetzgebung und insbesondere am Kapitalmarkt. Zu diesem Ergebnis kamen wir auch in unserer Studie, die wir Ende 2018 gemeinsam mit dem DIRK, dem Deutschen Investor Relations Verband und der DVFA, der Deutsche Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management,gemacht haben. Sowohl Investor-Relations-Manager als auch Investoren vertreten einhellig die Ansicht, dass Nachhaltigkeit zu einer erkennbaren Wertsteigerung führt, die operative Effizienz erhöht und zu einer Reduzierung der Finanzierungskosten beitragen kann. Und nicht nur für kapitalmarktorientierte Unternehmen, auch für den Mittelstand gilt: Nachhaltigkeit ist ein Imagefaktor. Verantwortlich und engagiert zieht bei Verbrauchern und Stakeholdern genauso wie bei potenziellen Bewerbern.

Die von Ihnen erwähnte Gesetzgebung betrifft doch aber nur kapitalmarktorientierte Unternehmen?
Ja, seit dem Geschäftsjahr 2017 sind Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern und einem bestimmten Umsatz- bzw. Bilanzsumme verpflichtet, in ihrem Geschäftsbericht auf ihre Nachhaltigkeitsbemühungen einzugehen. Das CSR-Richtlinie-Umsetzungsgesetz (CSR-RUG) fordert die Offenlegung von Angaben zu nichtfinanziellen Aspekten, so zu Umwelt-, Arbeitnehmer- und Sozialbelangen, zur Achtung der Menschenrechte und zur Bekämpfung von Korruption und Bestechung. Doch auch der Mittelstand ist mittelbar betroffen.

Was bedeutet das konkret?
Konkret bedeutet das beispielsweise, Lieferketten offenzulegen und Auswirkungen der Produktion auf Arbeiter und Umwelt darzulegen. Zwar sind damit vor allem Großunternehmen betroffen, aber die aktuell voranschreitenden gesetzlichen Verschärfungen haben durchaus auch eine Ausstrahlwirkung auf den Mittelstand. Schließlich sind mittelständische Unternehmen oftmals Zulieferer von Großkonzernen, die von ihren Partnerunternehmen eine Ausweitung der CSR-Informationen verlangen können. Nachweise und Daten rund um die CSR-Aktivitäten der Lieferanten werden häufig schon bei der Ausschreibung verlangt. Unternehmen ohne CSR-Berichterstattung sind damit automatisch schlechter gestellt gegenüber Konkurrenten, die ihr Nachhaltigkeitsmanagement bereits transparent machen. Hinzu kommt der NAP, der Nationale Aktionsplan Wirtschaft und Menschenrechte, der Ende Dezember 2016 verabschiedet wurde. Er ist zwar noch keine gesetzliche Pflicht. Aber ob gesetzlich verpflichtend oder nicht, alle Experten sind sich einig, dass der NAP mittelfristig dazu führen wird, dass die spezifischen Anforderungen entlang der Lieferkette zunehmen werden.

Was genau ist im NAP festgelegt?
Der NAP hat die Umsetzung der Leitprinzipien der Vereinten Nationen für Wirtschaft und Menschenrechte zum Ziel. Er setzt die Zielvorgabe, dass im Jahr 2020 mindestens die Hälfte aller Unternehmen in Deutschland mit mehr als 500 Beschäftigten die Kernelemente menschenrechtlicher Sorgfaltspflicht in ihre Unternehmensprozesse integriert hat. Das sind insgesamt rund 7.000 Unternehmen. Bis dahin wird in drei Erhebungsphasen überprüft, ob und in welchem Rahmen Unternehmen ihrer Sorgfaltspflicht nachkommen. Ab 2020 entscheidet die Bundesregierung auf dieser Grundlage, ob der NAP in ein verbindliches Gesetz überführt wird.

Scheuen mittelständische Unternehmen Ihrer Erfahrung nach den Aufwand, sich mit dem Thema Nachhaltigkeitsberichterstattung zu befassen?
Viele Unternehmen engagieren sich bereits und es gibt durchaus auch qualitative Nachhaltigkeits-Berichterstattung. Aber die Zeiten, in denen es ausreichte, rein über das „was“ zu berichten, sind längst vorbei. Es geht um das „wie“ – und da empfinde ich den Mittelstand noch als eher verhalten. Unternehmen sollten die Nachhaltigkeitsberichterstattung als Chance begreifen. Abgesehen von den zahlreichen Vorteilen, die sich durch CSR langfristig erschließen lassen, wie zum Beispiel die Erhöhung der Mitarbeitermotivation, Anwerben neuer Talente, Kosteneinsparungen, Ausbau des Kundenstamms etc., kann die Missachtung eines verantwortungsbewussten Umgangs mit personellen und produktionsnotwendigen Ressourcen die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen langfristig schädigen und ihre Marktposition schwächen. Mit einer ausgereiften Nachhaltigkeitsstrategie lassen sich zahlreiche Nutzenwerte erschließen, die langfristig die Ausgaben für Nachhaltigkeitsbemühungen übersteigen werden.

Sie haben ja bereits die Studie erwähnt, die gemacht haben. Welche Erkenntnisse konnten Sie aus der Studie gewinnen?
Unsere Befragung gemeinsam mit dem DIRK und der DVFA, die wir im September 2018 unter Investor Relations Managern, institutionellen Anlegern und ESG-Ratingagenturen in Deutschland durchgeführt haben, hatte zum Ziel, die Bedeutung des Nachhaltigkeitsthemas aus Sicht von Unternehmen und Anlegern in Erfahrung zu bringen. Auch die Qualität und der Nutzen von ESG-Ratingagenturen beziehungsweise ihren Ergebnissen wurde erhoben. Eine zentrale Erkenntnis aus unserer Untersuchung ist, dass angesichts der zunehmenden Bedeutung von ESG in den Kapitalmärkten die Empfehlung an Unternehmen nur sein kann, sich deutlich stärker in Bezug auf das Thema Nachhaltigkeit zu engagieren. Dies gilt nicht nur für die Unternehmensausrichtung, sondern auch für eine transparente und detaillierte Kommunikation.

Worauf sollten Unternehmen in der CSR-Berichterstattung achten?
Mit einem möglichst schlanken Bericht, der die Steuerung der wesentlichen Themen beschreibt, können Fragen der Kunden und anderer wichtiger Stakeholder zu relevanten Nachhaltigkeitsthemen zentral beantworten werden. Der Bericht muss transparent und belastbar sein, die für die Industrie und das Unternehmen wesentlichen Themen aufzeigen und kritische KPIs überprüfbar darstellen. Wenn das gut gemacht ist, dann haben Unternehmen nur Vorteile davon. So können auch Fortschritte bei der Produktqualität, der Verminderung von CO2-Emissionen, der Mitarbeiterzufriedenheit oder der Einhaltung von Standards in Lieferketten beschrieben werden. Für das Management hat der Bericht auch Vorteile, denn es kann so einen besseren Überblick über die Unternehmensleistung und die ökologischen und sozialen Auswirkungen der Geschäftstätigkeit gewinnen. Die Auseinandersetzung mit den Nachhaltigkeitsthemen, das heißt das Ableiten von Handlungsbedarf, Zielen und Maßnahmen, sowie deren systematische Steuerung tragen letztlich dazu bei, das Unternehmen zukunftsfähig zu machen. Ich bin davon überzeugt: Nachhaltigkeit wird immer stärker zum Wettbewerbsfaktor und die glaubwürdige Berichterstattung über die Nachhaltigkeits-Strategie und -Leistung bietet Unternehmen Chancen im Wettstreit um neue Mitarbeiter, Investoren, Lieferanten und nicht zuletzt die Kunden.
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Über Joachim Schlange

Joachim Schlange ist Mitgründer und Sprecher der Geschäftsleitung von Schlange & Co. GmbH sowie Präsident von S&C North America Inc. S&C begleitet Unternehmen bei der strategischen und organisatorischen Ausrichtung auf Nachhaltigkeit und CR sowie bei der operativen Umsetzung. Das Leistungsspektrum reicht von der Verankerung von Nachhaltigkeit in der Lieferkette, über die fachgerechte Kennzahlendefinition und die glaubwürdige Berichterstattung bis hin zur Auswahl und Implementierung von CR-Software sowie Schulungen. S&C arbeitet im Auftrag von multinationalen Konzernen und mittelständischen Unternehmen unterschiedlichster Branchen, aber auch für staatliche und Non-Profit Organisationen aus dem In- und Ausland. https://www.schlange-co.com/