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China

China: Land der Kontrolle (3/3) – Ein Gastbeitrag von Tim Schröder 636 372 C4B

China: Land der Kontrolle (3/3) – Ein Gastbeitrag von Tim Schröder

Seit Juni letzten Jahres gehen in Hongkong immer wieder Hunderttausende vor allem junge Menschen auf die Straße. Doch in den chinesischen Medien wird von diesen Protesten nicht berichtet. Das und wie gefährlich Kritik am System sein kann, erfuhr unser Gastautor Tim Schröder während seines einjährigen Aufenthalts in China.

Im ersten Teil seines Gastbeitrags für den C4B Blog hat Tim Schröder für uns einen Blick auf die Geschichte Chinas geworfen. Der zweite Teil und der vorliegende letzten Teil seines Beitrags drehen sich um seine Erfahrungen mit den Menschen und der gesellschaftlichen Situation in China.

Überwachung überall

Bei uns wird der gesellschaftliche Dialog sehr durch die Medien getragen. In China gibt es keine Nachrichtenagentur, die nicht unter Kontrolle der kommunistischen Partei steht. Soziale Medien, außer die staatlich Regulierten, sind verboten. Webseiten wie Google, Facebook oder Wikipedia sind gesperrt. Zusätzlich wird bis 2020 das sogenannte Social-Credit-Score System eingeführt. Dieses System hat den Zweck, Kredite unter Berücksichtigung von sozialem Verhalten zu vergeben. Es wird bewertet, was man einkauft, ob man bei Rot über die Ampel geht oder wie häufig man die Eltern besucht. Es soll die Bürger zu „optimalen“ Verhalten erziehen. Kameras hängen überall und die Gesichtserkennung ist inzwischen sehr zuverlässig. Digitale Zahlungssysteme, die praktisch über das Handy funktionieren, können gut überwacht werden. Ich habe mich während meines Aufenthalts häufig gefragt: Warum wehren sich die Menschen nicht gegen die totalitäre Staatsform? Warum gehen die jungen Menschen nicht auf die Straße wie es in Hongkong der Fall ist?

Beeindruckende Demonstration der staatlichen Medien

Zum einen gab es in China noch nie Demokratie, wie wir sie kennen. Von der damaligen Monarchie ging es sehr direkt in das heutige sozialistische Ein-Parteien-System über. Die Menschen sind weder an Meinungs-, Presse-, noch Demonstrationsfreiheit gewöhnt. Im Moment betreue ich eine chinesische Austauschstudentin an der TU Berlin. Als wir am Brandenburger Tor an einigen Demonstranten vorbei gingen, fragte sie mich, ob ich so etwas nicht für gefährlich halte. Es war mir nicht möglich, ihr die Sinnhaftigkeit der Demonstrationsfreiheit zu erklären. Hongkong wird nach dem politischen Prinzip „Ein Land, zwei Systeme“ regiert, bürgerliche Freiheiten wie die Meinungsfreiheit, Pressefreiheit und Versammlungsfreiheit werden den Menschen garantiert. Deshalb sieht man regelmäßig in den Nachrichten, dass die Menschen dort protestieren, denn sie wissen, was sie zu verlieren haben. Ich war zu Beginn der Hongkong-Proteste noch auf dem chinesischen Festland – dort hat man jedoch kein Sterbenswörtchen davon gehört. Eine beeindruckende Demonstration des Medienapparats. Selbst eine Nachricht eines deutschen Kommilitonen auf WeChat (das chinesische Facebook-Äquivalent), die den Link zu einem Nachrichtenartikel enthielt, wurde innerhalb von Minuten aus dem System gelöscht und der Zugang meines Freundes vorübergehend gesperrt.

Ich musste lernen, dass sich zur scheinbaren Unveränderlichkeit des Systems eine gewisse gesellschaftliche Trägheit und Politikmüdigkeit hinzugesellt. Aber nicht nur das: Viele Chinesen empfinden das System sogar als positiv. Den meisten Chinesen geht es viel besser als ihren Eltern und sie sind sehr zuversichtlich, dass das Gleiche für ihre eigenen Kinder gilt. Sie haben genug zu Essen. Die wachsende Mittelschicht wird immer reicher, hat gute Jobs und kann sich Urlaub im Ausland leisten. Vor 30 Jahren wäre das für den Großteil der Bevölkerung nicht möglich gewesen. Das wird der Regierung hoch angerechnet und erzeugt eine Grundzufriedenheit, die ausreicht, um die menschenrechtlichen Mischstände im Land auszublenden. Tatsache ist sicherlich auch, dass das System ausgesprochen effektiv funktioniert, vielleicht sogar die einzige Möglichkeit ist, ein Land mit einer derart hohen Bevölkerung erfolgreich zu führen. Keine langsame Bürokratie, sondern schnelle Exekution.

Öffentliche Kritik ist gefährlich

Unerwähnt darf nicht bleiben, dass Rebellen im System keine hohe Lebenserwartung haben. Es ist sehr gefährlich, öffentlich Kritik zu äußeren, wie die vielen inzwischen publik gewordenen Fälle von Gefängnisstrafen für Journalisten zeigen. Es ist ein Leichtes für die Behörden, ein Bankkonto zu sperren und zu verbieten, in die Stadt oder gar ins Ausland zu reisen, denn für alle Fernreisen, auch Bus und Bahn, braucht man seinen Ausweis. Alles was nicht ins System passt, wird unterdrückt, entfernt oder verändert. Dazu gehören auch die vielen in China lebenden Minderheiten. Nach Schätzung der Vereinten Nationen werden mehr als eine Millionen Menschen der Minderheit Uiguren in Lagern festgehalten. In den Umerziehungslagern sollen sie ihrer Religion abschwören. Sie müssen streng bewacht Hochchinesisch lernen, die Nationalhymne singen, KP-Propagandasprüche auswendig lernen und Parteichef Xi Jinping preisen.

Mein geplantes Studienjahr habe ich schließlich auf 6 Monate verkürzt und im verbleibenden halben Jahr China und seine Nachbarländer bereist. Gelernt habe ich in diesem Jahr nicht nur Inhalte für mein Studium und was es heißt, in China zu studieren. Inzwischen kann ich mir ein viel genaueres Bild davon machen was es heißt jung oder alt, arm oder reich, „normal“ oder anders zu sein. So habe ich einen Monat auf einer Farm in Sichuan gearbeitet. Die Familie, bei der ich wohnte, nutzt dieses Gebiet schon seit Jahrhunderten landwirtschaftlich. Die meisten Arbeiter waren über sechzig und haben trotzdem von morgens bis abends geschuftet. Ich habe dabei geholfen einen Baggersee zu bauen. Als ich um 7:30 Uhr an der Baustelle ankam, haben die Bauarbeiter schon zwei Stunden lang Steine geschleppt.

Hier kümmert man sich noch sehr gut um die Arbeiter. Es wird morgens, mittags und manchmal abends in der Kantine zusammen gegessen. Auch wenn sie nicht mehr arbeiten können, werden sie weiterhin mit Essen versorgt. An besonderen Tagen wie dem Drachenbootfestival gibt es ein richtiges Festmahl. Das ist keineswegs normal. Viele alte Menschen leben an der Armutsgrenze, weil sie keine Unterstützung der Regierung oder ihrer Kinder erhalten. Besonders bleibt mir eine Erinnerung von meinem Besuch an einem weit außerhalb Pekings liegenden Abschnitt der chinesischen Mauer. Dort gab es keine Touristen oder Hotels. Ich hatte nur ein paar Kräcker dabei und als ich einer alten Dame mit meinem gebrochenen Chinesisch nach dem Weg zum nächsten Restaurant fragte, gab sie mir ein Brötchen und ein Würstchen aus einem Beutel. Diese habe ich in meinem Nachlager in einem der alten Wachtürme verspeist. Es roch zwar ein bisschen komisch, hat aber fantastisch geschmeckt.

Der Englischlehrer in Yunnan lebt in einer homosexuellen Beziehung und hat viel darüber erzählt, wie viel es in der Gesellschaft bedeutet „normal“ zu sein. Es hat schon große Fortschritte gegeben, aber es wird zum Teil immer noch bei der Wahl der Angestellten oder gar Freunde auf „Normalität“ geachtet. Manchmal hatte ich diesen Eindruck auch in meiner Gastfamilie, denn ein ganz normaler Gaststudent möchte nicht alles wissen, beendet das Studium frühzeitig und reist nicht in die entlegensten Orte. Trotz aller Verschiedenheiten ist mir insbesondere meine Gastfamilie mit Warmherzigkeit und Gastfreundlichkeit begegnet. Die Unterschiede in Kultur und Sprache haben manchmal zu komischen oder unangenehmen Situationen geführt, aber am Ende des Tages waren sie für mich da und haben gut auf mich geachtet.

Zurück in Deutschland weiß ich nicht nur die Bürokratie und die TU Berlin ein wenig mehr zu schätzen, sondern auch wie privilegiert man ist, in diesem Land aufzuwachsen. Die Individualität und Möglichkeiten, die wir alle genießen können, ist ein hohes Gut. Doch wir sind auch nur Menschen, wie es sie überall auf der Welt gibt. Es gibt keinen Grund Vorurteile gegen Menschen anderer Regionen zu hegen. Schlechte Menschen gibt es zwar überall, aber ich habe gelernt, dass nette Menschen auch überall wohnen.

 

 

 

 

Quellenangabe

Reporter ohne Grenzen (2019, 2. August): Inhaftierte Journalisten in Lebensgefahr. URL: https://www.reporter-ohne-grenzen.de/china/alle-meldungen/meldung/inhaftierte-journalisten-in-lebensgefahr/ [16.09.2019]

Süddeutsche Zeitung (2018, 10. September): Internierungslager für eine Million Uiguren. URL: https://www.sueddeutsche.de/politik/china-internierungslager-fuer-eine-million-uiguren-1.4122300 [16.09.2019]

 

 

Über Tim Schröder

Tim Schröder, Jahrgang 1998, studiert seit 2016 Elektrotechnik an der Technischen Universität Berlin. Im September 2018 ging er mit dem Chinese Scholarship Council Stipendium des chinesischen Bildungsministeriums zum Studium an die chinesischen Eliteuniversität Shanghai Jiao Tong und lebte für sechs Monate in einer chinesischen Gastfamilie. Sein Studium beendet Tim Schröder im Jahr 2021 mit Master of Science mit dem Schwerpunkt auf Künstliche Intelligenz und Kognitive Systeme.

 

Chinesen: Mensch der Mitte im Wandel (2/3) – Ein Gastbeitrag von Tim Schröder 1024 683 C4B

Chinesen: Mensch der Mitte im Wandel (2/3) – Ein Gastbeitrag von Tim Schröder

Die Eröffnung des neuen Mega-Flughafens in Peking sorgte jüngst für Schlagzeilen. Der Flughafen konnte nach nur vier Jahren Bauzeit eröffnet werden und soll bis 2021 rund 45 Millionen Passagiere im Jahr transportieren und später auf 100 Millionen erweitert werden. Der neue Flughafen wurde in den Staatsmedien als Zeichen für Chinas Leistungsfähigkeit und Wachstum gefeiert. „Berlin kann von Peking lernen“, hatte es schon während des Baus in Medien der Volksrepublik geheißen. Doch was genau kann man von den Chinesen lernen? Und will man das überhaupt? In seinem Gastbeitrag für den C4B Blog berichtet Tim Schröder, Student der Elektrotechnik an der Technischen Universität Berlin, über seine Zeit im Land.

Lesen Sie hier den ersten Teil seines Gastbeitrags über die Geschichte Chinas.

Das System Chinas hat mich zugleich beeindruckt und erschreckt. Während meines insgesamt einjährigen Aufenthalts im Land habe ich tieferen Einblick in das Staats- und Gesellschaftssystem nehmen können. Im vorliegenden Beitrag schildere ich meine persönlichen Erfahrungen aus dieser Zeit.

Im September 2018 begann mein geplantes Auslandsstudienjahr meines Elektrotechnikstudiums an der chinesischen Eliteuniversität Shanghai Jiao Tong. Gewohnt habe ich während des Studiums bei meiner chinesischen Gastfamilie. Mein Gastvater He Yun ist Maschinenbau-Professor, meine Gastmutter Honghong Buchhalterin und mein Gastbruder Henry hat Maschinenbau zum Teil in Stuttgart studiert. Er spricht sehr gutes Deutsch, deshalb hatte ich zumindest mit ihm keine Verständigungsprobleme. Sie sind eine ganz normale Familie der oberen Mittelschicht, haben normale Jobs und wohnen in einer schönen Wohnung am Stadtrand. Doch für mich sind sie im Laufe der Zeit etwas ganz Besonderes geworden. China war für mich immer ein Land des großen Fortschritts. Gleich nach der Ankunft am enorm großen Shanghai Pudong Airport fuhr mich die Magnetschwebebahn mit 430 km/h in die Innenstadt. Die Skyline bei Nacht ist wie ein Feuerwerk, endlose Reihen Wolkenkratzer hinter dem Fluss Huangpu. Alles ist sauber, der öffentliche Verkehr ist sehr gut ausgebaut. Auch der Universitätscampus ist unglaublich modern und weitläufig, sogar das Essen in der Mensa war deutlich vielfältiger und frischer als in Berlin. Meine Erwartungen wurden auf den ersten Blick mehr als übertroffen, doch nach und nach stellte ich fest: irgendetwas ist anders.

Zuerst war es nur ein mulmiges Gefühl, dann setzen sich kleine Beobachtungen wie Teile eines Puzzles zusammen. Als normaler Tourist würde man diese Dinge nicht bemerken. Es wird sogar sehr viel Wert darauf gelegt, dass dies nicht geschieht. So war eine Universität für mich immer ein Ort des freien Meinungsaustausches, an dem man zur Diskussion angeregt wird. In China laufen die Dinge ein wenig anders. Der Unterrichtsstoff wird sehr frontal zum Besten gegeben, es wird fleißig genickt, notiert und auswendig gelernt. Normalerweise erspare ich mir diese Art der Vorlesung, doch es herrscht Anwesenheitspflicht. Ich versuchte, mit meinen chinesischen Kommilitonen eine Hausaufgabengruppe zu bilden, doch stieß eher auf Verwunderung. Üblicherweise lernt hier jeder für sich in der 24 Stunden geöffneten Bibliothek. Bei Diskussionen über den Stoff hörte ich oft, der Herr Professor habe dieses oder jenes gesagt. Was der Professor sagt, wird unter keinen Umständen in Frage gestellt. Auch zu generellen Themen fiel es meiner Wahrnehmung nach den chinesischen Kommilitonen schwer, sich eine reflektierte Meinung zu bilden. Eigentlich widmen sich die Studenten nur ihrem Studium und haben sehr wenig Zeit, um soziale Kontakte zu pflegen.


Tim Schröder (links im Bild) mit Kommilitonen

Lebenslanger Drill

In der Shanghai Jiao Tong University als Chinese angenommen zu werden bedeutet, dass man sein ganzes Leben nur auf dieses Ziel hingearbeitet hat. Schon von klein auf werden die Kinder gedrillt, um in die besten Kindergärten, dann Grundschulen und schließlich Gymnasien zu gelangen. In der Yunnan Provinz habe ich für zwei Nächte auf der Couch eines Englischlehrers übernachtet, dessen Schüler ein Alter von anderthalb bis drei Jahren haben. Durch die damalige Ein-Kind-Politik waren viele meiner Kommilitonen Einzelkinder, der Umgang mit Gleichaltrigen fiel ihnen nicht leicht. Bei uns lernt man schon von Kindesbeinen an Freunde zu finden, sich eine eigene Meinung zu bilden. Nicht nur im Elternhaus, auch in der Schule wurden wir dazu angeregt, auch immer über den Tellerrand hinaus zu schauen. In China stellte ich fest, dass all dies nicht Teil des Bildungssystem ist. Die Informationsdichte ist unglaublich hoch, dafür sind die ungewöhnlichen oder kreativen Anwendungsmöglichkeiten sehr gering. Ich denke, dass dies ein Grund dafür ist, warum das Innovationspotenzial Chinas eingeschränkt ist. Stattdessen muss Know-how eingekauft oder Wirtschaftsspionage betrieben werden. Warum fördert man nicht eine reflektierte, innovative Art zu denken?

Versetzt man sich in die Lage Pekings, so sind die Universitäten sehr gefährliche Orte, an denen sich neuartige, gar revolutionäre Ideen wie ein Lauffeuer verbreiten. Also muss das Bildungssystem überwacht werden, um die Systemtreue der Bildungsstätten zu garantieren. Die kleinen Überwachungskameras in jedem Hörsaal gehören zur Grundausstattung. Die chinesischen Studenten haben als ein Pflichtfach Politik, die Professoren müssen an regelmäßig stattfindenden politischen Lesungen teilnehmen. Selbst zu Hause in meiner Gastfamilie oder mit chinesischen Freunden gab es Themen, die nicht diskutiert werden. Unter diese Kategorie fällt auch die aktuelle Politik, das System und besonders der Staatspräsent Xi Jinping.

Im dritten Teil und letzten seines Gastbeitrags berichtet Tim Schröder über seine Erfahrungen mit öffentlicher Meinungsäußerung sowie seine Begegnungen mit Chinesen während seiner Rundreise durch das Land.

Quellenangaben:

Reporter ohne Grenzen (2019, 2. August): Inhaftierte Journalisten in Lebensgefahr. URL: https://www.reporter-ohne-grenzen.de/china/alle-meldungen/meldung/inhaftierte-journalisten-in-lebensgefahr/ [16.09.2019]

Süddeutsche Zeitung (2018, 10. September): Internierungslager für eine Million Uiguren. URL: https://www.sueddeutsche.de/politik/china-internierungslager-fuer-eine-million-uiguren-1.4122300 [16.09.2019]

 


Über Tim Schröder

Tim Schröder, Jahrgang 1998, studiert seit 2016 Elektrotechnik an der Technischen Universität Berlin. Im September 2018 ging er mit dem Chinese Scholarship Council Stipendium des chinesischen Bildungsministeriums zum Studium an die chinesischen Eliteuniversität Shanghai Jiao Tong und lebte für sechs Monate in einer chinesischen Gastfamilie. Sein Studium beendet Tim Schröder im Jahr 2021 mit Master of Science mit dem Schwerpunkt auf Künstliche Intelligenz und Kognitive Systeme.

China: Reich der Mitte im Wandel (1/3) – Ein Gastbeitrag von Tim Schröder 960 540 C4B

China: Reich der Mitte im Wandel (1/3) – Ein Gastbeitrag von Tim Schröder

„Handelskonflikt mit China bremst Weltkonjunktur“, „Eskaliert der Streit mit China?“ Der schwelende amerikanisch-chinesische Handelsstreit ist fast täglich Thema in den Medien. China, in wenigen Jahrzehnten von einem verarmten Bauernstaat zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt aufgestiegen, ist inzwischen für 92 Länder der Welt der größte Handelspartner – darunter auch Deutschland. Durch seine wirtschaftliche Stärke und seine große Bevölkerung ist China auch politisch zu einem der mächtigsten Länder der Erde geworden. Tim Schröder, Student der Elektrotechnik an der Technischen Universität Berlin, hat sechs Monate in China studiert. In seinen Gastbeiträgen für den Blog wirft er für uns einen Blick auf die Geschichte Chinas und berichtet von der derzeitigen Situation im Land.

Chinas Rückkehr zur Weltmacht? Ein Blick auf Chinas Geschichte

Vor 2200 Jahren herrschte der Chinesische Kaiser nicht nur über 中国 Zhōngguó „das Reich der Mitte (China)“, sondern über 天下 tiānxià „Alles unter dem Himmel“. Die anliegenden Staaten erhielten die gnädige Erlaubnis des Kaisers, der chinesischen Kultur beizutreten. Gleichberechtigte Beziehungen anderer Staaten gab es nicht, Japan, Korea und Südostasien befanden sich einst alle unter chinesischer Hoheit. Für das Chinesische Reich existierte keine andere Zivilisation außer der Chinesischen, den 中国人 Zhōngguórén, den Menschen aus dem Land der Mitte. Hier wurden Buchdruck, Schwarzpulver und Methoden zur Stahlverarbeitung viele Jahrhunderte früher als in Europa erfunden. Heute ist China nur noch auf chinesischen Weltkarten in der Mitte verortet. Dass China als Weltmacht zurückkehrt, ist offensichtlich. Doch wird auch die einst so große, sinozentrische Weltordnung zurückkehren?

Für Europäer war es schwer nachvollziehbar, dass die angestrebte Universalherrschaft Chinas keineswegs eine politische Unterwerfung anderer Staaten erzwang, so wie es die Kolonialherren taten. Die Beziehung wurde aus europäischer Sicht als Vasallenverhältnis angesehen, doch es waren eher die Vasallen, die den wirtschaftlichen Vorteil durch den Eintritt in das lukrative, chinesische Handelsnetz erhielten. Die Bemühungen lagen auf der Verbreitung der chinesischen Hochkultur und die Anerkennung des Universalherrschers durch andere Staaten. Umgebenen von diesen sinisierten Völkern war die konfuzianische Dynastie in ihrer Blüte. Das damalige Handelsnetz erstreckte sich über große Teile Asiens, gar bis zur afrikanischen Ostküste. Noch heute erkennt man Teile des damaligen Einflusses auf Sprache und Traditionen in unterschiedlichen Regionen wieder. So dienten die chinesischen Schriftzeichen als Grundlage der japanischen, vietnamesischen, koreanischen Schriften. Auch der chinesischen Mondkalender und die dazugehörigen Feiertage sind heute weit verbreitet. Denn nicht nur die Chinesen feiern „Chinese New Year“, sondern viele Länder Südostasiens, ebenso wie das Neujahr im Mondkalender.

Aufblühender Handel im 17. Jahrhundert

Trotz des Wissens um die Existenz anderer Völker und Staaten erkannte China keine andere Zivilisation als ebenbürtig an. Den Europäern lag es jedoch ebenso fern, einen Universalherrscher anzuerkennen. Als die Portugiesen 1517 die Aufnahme gleichberechtigter, diplomatischer Beziehung forderten, scheiterten die Verhandlungen an diesen Differenzen. Eine indirekte Handelsbeziehung zu Europa hat es in Form der Seidenstraße schon seit der Antike gegeben, doch erst im 17. Jahrhundert wurde direkter Handel von Seide, Porzellan und Tee nach Europa betrieben. Die begehrten Waren veranlassten die westlichen Handelsmächte, immer mehr Einfluss in chinesischen Häfen, wenn nötig mit Gewalt, zu erzwingen. Der erste Opiumkrieg (1839–1842) zwischen Großbritannien und China beendete die chinesische Überlegenheit, China wurde nach seiner militärischen Niederlage gezwungen, seine Märkte zu öffnen und Opium zu importieren – und die sogenannten „ungleichen Verträge“ abzuschließen. Die Wirtschaftsinteressen der westlichen Kolonialmächte setzten sich durch, die europäischen Mächte gewannen immer mehr Zugang in den Handelsstädten. Hongkong war nun britisch und auch in den Häfen gab es ausländische Quartiere, die man noch heute zum Beispiel in Form der französischen Konzession in Shanghai wiederfindet.

Vom prächtigen Reich zu einem der ärmsten Länder der Welt

Nach dem zweiten Weltkrieg wurde China vollständig unabhängig und die kommunistische Revolution, geführt von Mao Zedong, strebt ein sozialistisches System an. Wie auch in der Sowjetunion setzt sich in China ein diktatorisches Ein-Parteien-System durch. Durch die Kriege ausgeblutet, wurde aus dem einst prächtigen Reich eines der ärmsten Länder der Welt. Mit dem „Großen Sprung“ wollte China von 1957 bis 1962 den Westen einholen. Der Vorsitzende der Kommunistischen Partei Mao Zedong zwang die Bauern, ihre Felder brach liegen zu lassen und stattdessen Stahl zu produzieren. Die Folge: Stahl niedriger Qualität und 30 Millionen Tote auf Grund der erstanden Hungersnot. Als Mao die Kulturrevolution ausruft, bricht ein Bürgerkrieg los, in dem weitere zwei Millionen Menschen ums Leben kommen. Trotz aller Gräueltaten wird Mao Zedong in China noch heute als Held gefeiert. Er verstand es, einen Kult, um seine Person aufzubauen, den die Menschen anhimmeln.

China unter Xi Jinping

Heute herrscht in China ein Mann, der dies ebenso gut versteht: Xi Jinping, Staatspräsident auf Lebenszeit, Vorsitzender der der Zentralen Militärkommission und Parteichef der Kommunistischen Partei, ist der wahrscheinlich mächtigste Mann der Welt. Er hat die Macht über die Politik, die Wirtschaft und das Militär und, so steht es zu befürchten, bald auch über jeden einzelnen Menschen im Land. Trotz des totalitären Systems ist Xi bei seinen Anhängern außerordentlich beliebt. Er wird als jemand beschrieben, der das Volk versteht und selbst mit anpackt. Gelobt wird Xi besonders für seinen Kampf gegen die Korruption. Über eine Million Parteifunktionäre wurden seit seinem Amtsantritt im Jahr 2013 als korrupt bestraft und aus ihren Ämtern enthoben, darunter auch viele seiner Gegner. Vor allem die Stellen der obersten Führungsriege der Partei und des Militärs besetzte Xi mit loyalen Anhängern. Mit dem daraus resultierenden minimalen politischen Widerstand hat Xi die Beschränkung seiner Legislaturperiode von 10 Jahren aufgehoben und darf bis an sein Lebensende regieren. Außerdem wurden die Xi-Jinping-Gedanken über den Sozialismus chinesischer Prägung in der Verfassung festgehalten. Alle Pläne Xis für die Zukunft fasst er als „chinesischen Traum“ zusammen. In dieser Zukunft soll China wieder ein Vorbild für alle anderen Staaten sein. Die Nachbarländer sollen zu China aufschauen und es bewundern. Dafür setzt Xi Projekte gigantischen Ausmaßes in die Tat um. Mit der Initiative „Neue Seidenstraße“ – auch „One Belt, one Road“ oder „Belt and Road Initiative“ genannt – möchte China mit massiven Investitionen in Asien, Afrika und Europa neue Handelsrouten, Märkte und Energiequellen erschließen. Das Investitionsvolumen von einer Billion Doller wird größtenteils in Infrastrukturprojekte in den China umgebenden Entwicklungsländern gesteckt, die von chinesischen Unternehmen und Arbeitern durchgeführt werden. Dadurch sollen zukünftig chinesische Unternehmen besser ausgelastet werden, indem mehr Absatz und Arbeitsplätze geschaffen werden. Zusätzlich binden die neuen Handelswege die teilnehmenden Staaten enger an China.

Auch in Deutschland, im Duisburger Hafen, kommen inzwischen chinesische Waren mit dem Schnellzug direkt aus Chongqing in der chinesischen Provinz Sichuan. Der Hafen von Athen wurde inzwischen ganz von einer chinesischen Reederei übernommen. Besonders in Entwicklungsstaaten erreichen die Chinesen mit dieser Strategie nicht nur eine hohe wirtschaftliche Abhängigkeit der Absatzmärkte, sondern auch einen starken politischen Einfluss. Viele Seidenstraßen-Länder wie Malaysia oder Sri Lanka haben sich in den vergangenen Jahren stark bei chinesischen Staatsbanken verschuldet, was den politischen Hebel noch weiter stärkt.

Peking setzt weiterhin darauf, Technologieführer in mehreren Schlüsselbereichen zu werden, um dem chinesischen Traum ein Schritt näher zu kommen. So wird mit allen Mitteln versucht, Know-how im Hightech-Bereich anzuwerben. Dazu werden zum Beispiel Beteiligungen an europäischen Unternehmen gekauft oder Unternehmen wie der Roboterhersteller Kuka ganz übernommen. Die chinesische Regierung ist dafür bekannt, keine Mittel zu scheuen, um ihr Ziel zu erreichen. Immer wieder werden Vorwürfe laut, dass Cyberattacken aus China auf Unternehmen und Behörden vom chinesischen Staat gefördert oder gar initiiert werden. Ende 2018 beschuldigten US-Behörden China der Industriespionage. Auch das Bundesinnenministerium vermutet laut einem Bericht des Handelsblatts, dass China deutsche Unternehmen in großem Stil ausspäht.

In China braucht es keine lange Kette der Bürokratie, um große Investitionen zu tätigen. Die wichtigen Entscheidungen liegen in den Händen von Xi Jinping und seinen engsten Vertrauten. Durch die totalitäre Kontrolle und das Überschreiten von rechtlichen Grenzen kann China rasant wachsen und enorme Projekte auf die Beine stellen, die für uns eine Globalisierung mit chinesischen Charakters bedeuten könnte, die weniger Priorität auf Transparenz und verbindliche Regeln setzt. Es ist wohl nur die internationale Aufmerksamkeit, die diesen Weg vorerst bremst. Für Europa entstehen hier

Fragt man chinesische Bürger, so geschieht dies nicht aus bösem Willen, sondern aus einem Gefühl der Rechtmäßigkeit. Die Geschichte des Landes ist zu einzigartig, China wurde von den Industrienationen zu lange belächelt und das Volk musste zu viel durchmachen, um sich den Weg zum chinesischen Traum jetzt nicht freizukämpfen. Es ist wohl nur die internationale Aufmerksamkeit, die diesen Weg vorerst bremst. Europa muss sich nun zwischen den Großmächten China und den Vereinigten Staaten behaupten können. Vor allem bei europäischen Unternehmen ist langfristig die Frage, ob diese ohne staatlichen Schutz gegen stark subventionierte, chinesische Unternehmen wettbewerbsfähig bleiben können. Diese haben immer noch nicht den gleichen Zugang zum chinesischen Markt, wie die chinesischen Unternehmen zum europäischen. Darüber wie man sich zukünftig am besten aufstellt, herrscht viel Uneinigkeit unter den europäischen Nationen. Italien schließt sich Projekten der Seidenstraße an, Frankreich betreibt Protektionismus. Die kleineren Nationen haben Sorge, dass Deutschland seine Unternehmen stark subventioniert und so auch den europäischen Markt verzerrt. Doch kein EU-Staat hat die Größe, den Einfluss oder die Macht, etwas mit China auf Augenhöhe verhandeln zu können, wie die EU-Außenbeauftragten Federica Mogherini kürzlich beim EU-Gipfel äußerte.

Literaturangaben

Seitz, Konrad: China – Eine Weltmacht kehrt zurück, Siedler Verlag, München 2000.

Tagesschau (2018, 25. Januar): Die Seidenstraße endet in Duisburg. URL: https://www.tagesschau.de/wirtschaft/seidenstrasse-107.html [16.09.2019]

Handelsblatt (2019, 19. August):  Berlin verdächtigt Chinas Regierung der Industriespionage im großen Stil. URL: https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/cyberattacken-berlin-verdaechtigt-chinas-regierung-der-industriespionage-im-grossen-stil/24911728.html?ticket=ST-4176862-jCbOMhUjbKs4eIhOHG0D-ap3 [16.09.2019]

Focus (2019, 23. März): China viel wichtiger als Brexit. URL: https://www.focus.de/finanzen/news/konjunktur/china-viel-wichtiger-als-brexit-europa-streitet-mit-einem-zwerg-und-vergisst-die-echte-herausforderung_id_10489659.html [16.09.2019]

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Über Tim Schröder

Tim Schröder, Jahrgang 1998, studiert seit 2016 Elektrotechnik an der Technischen Universität Berlin. Im September 2018 ging er mit dem Chinese Scholarship Council Stipendium des chinesischen Bildungsministeriums zum Studium an die chinesischen Eliteuniversität Shanghai Jiao Tong und lebte für sechs Monate in einer chinesischen Gastfamilie. Sein Studium beendet Tim Schröder im Jahr 2021 mit Master of Science mit dem Schwerpunkt auf Künstliche Intelligenz und Kognitive Systeme.